THÜRINGEN - EIN SÜDDEUTSCHES BUNDESLAND

 

I      Ein paar kurze Anmerkungen über das Leben im beginnenden 21. Jahrhundert

 

Betrachtet man die Schnellebigkeit einer Zeit, in welcher kaum ein Mensch allein die wesentlichen Nachrichtenmeldungen eines Tages zu überfliegen in der Lage wäre, die Selbstbezogenheit und Realitätsferne einer immer stärker auf das Gestaltbare und nicht das Vorhandene orientierte Gesellschaft, in der es jedermann möglich ist, seine persönlichen Vorstellungen eines individuellen Lebens offensiv nach außen zu kehren, als seien diese der Königsweg zum perfekten Sein....

...so fällt auf, dass es in diesem Universum der Nichtigkeiten und Alltäglichkeiten, die allesamt morgen schon wieder obsolet sein können, feste Punkte gibt, an denen zu rütteln, auch nur leise und vorsichtig, sanft und behutsam Kritik zu üben, sich niemand bemüht. Es sind die Klischees, liebgewordenene Vorurteile wider oder zu Gunsten unterschiedlichster Personen, die man grob zusammenfassend als eine Einheit denkt. Die Zuordnung erfolgt und danach scheint es, als füge sich jeder in sein Schicksal, als sei er oder sie zum Leben nach den Schemata grundlegender Stereotypen verpflichtet.

Darüber hinaus bleibt man gewissenmaßen doch relativ frei, ungebunden in seiner Art, das Leben zu denken, aber letztlich doch wieder nicht, da diese eine Facette des eigenen Klischees den Menschen erfasst hat und gefasst in eine Nische drängend, schmeichelnd umwirbt mit dem Hauch der Macht, gestützt von dem Gefühl, Teil einer großen Masse zu sein, die als Gesamtbild fungiert.

Nicht umsonst schaffen sich Unternehmen Wiedererkennungswerte in Form farbenfroher geometrischer Zeichen, die sie früher Logos, heute corporate identity nennen. Das komplexe System einer auf den Vergleich als Ziel seiner inneren Gelüste nach Anerkennung aufgebauten Gesellschaft ist gleichmit auch ein Vorbote eines gemeinsamen Schicksals. Die Verinselung ganzer sozialer Schichten, die sich immer mehr in einer selbstgewählten Isolation vor den anderen, den ungleichartigen, vor einer Auseinandersetzung  auch mit der eigenen Unvollkommenheit bewahren wollen, sich dabei innerhalb der Gruppe stets vergleichend anstrengen zu werden, um zu sein, ist in Großstädten wie Berlin bereits eine gesetzte Tatsache.

Man weiß von denen, die ...

Aber man kennt keinen von ihnen persönlich, womit der Interpretation längst bestehender Vorurteile und der Schaffung neuer eingängiger Klischeebilder ein sehr fruchtbarer Boden bereitet ist, eine hochmütige Zeit, die begleitet wird von ständigem Evaluieren. Hierzu passt ein Zitat des großen Immanuel Kant: "Hochmut ist ein Ansinnen an andere, sich im Vergleich mit uns gering zu schätzen."

Dieses Ansinnen verfolgen heute viele, sehr viele Menschen. Und sie vergleichen sich nicht nur mit anderen nach ihren eigenen Kritieren und Prioritäten ausgerichtet, sie diffamieren auch, sei es aktiv durch klare politische Positionierung oder passiv, durch den vorgeblich zwangsläufigen Verzicht auf Takt und sittliches Verhalten, welcher aus ihrer Weltanschauung heraus, eine selektive Haltung begründet, seine Mitmenschen je nach Geschmack besser oder schlechter zu behandeln.

Nun wäre es notwendig, einige dieser Inseln zu benennen. Wie selbstverständlich möchte ich dabei die Freiheit des einzelnen unangetastet lassen, sich dem oben dargestellten Spiel zu unterwerfen, sich als Teil einer Masse fühlen zu wollen. Allerdings bleibt niemanden das naheliegende Recht, sich vollends zu entziehen. Dies mag verständlich sein, in einer auf Mainstream augericheten und durch globale Wahrnehmung der Welt verunsicherten Bevölkerung, einerseits. Andererseits bleiben Massen, Gruppen, soziale Schichten, denen die Möglichkeit, sich aufgrund einer aufoktrinierten Fremdzuordnung im Sinne einer vorgeschriebenden Form zu verweigern, nicht gegeben ist. Dieses scheint einem merkwürdigen gemeinschaftlichen Selbstverständnis geschuldet, welches eine von selbigen Vorstellungen freie Entfaltung also hierzu schlichtweg unmöglich macht. Garade durch den Ort der Geburt werden hierzulande viele Menschen ihrer Freiheit beraubt, ein individuelles Selbstbild zu entwickeln und nach außen zu vertreten. Wer beispielsweise in Niedersachsen geboren wurde und aus der Position eines Niedersachsen argumentiert, kann sich auf eine andere Außenwahrnehmung stützen als ein Sachse, allein aufgrund einer geschichtlich längst vergangenen Momentaufnahme, einer Zeit, in der Deutschland einmal geteilt war. Die auf dieser Website zu Disposition gestellte Aussage ist somit eine Infragestellung des Wertes dieser gedanklichen Hürde, der subjektiven Zuordnung eines Menschen in zwei Himmelsrichtungen, welche denselben und seine gesamte Persönlichkeit umfassend werten.

 

II       Einleitende Gedanken zu denkbaren Konsequenzen

 

Es mutet bizarr an: Die in den vergangenen Jahren so zahlreichen Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen sowie in den politischen Diskussionen und Reportagen verschiedenster Fernsehsender über vergangene Epochen, die 70er, 80er im allgemeinen und die DDR im besonderen sowie der Film über eine aus dem Koma erwachte Lehrerin, der - nebenbei bemerkt - inhaltlich in keinster Weise zu überzeugen vermochte, und zuletzt der sächsische Bösewicht in "Traumschiff Surprise" zeigten doch sehr anschaulich, in welcher Bissigkeit Klischees heute noch existieren und welche gesellschaftlichen Konsequenzen daraus erwachsen können. Muss man also befürchten, dass die individuellen Eigenschaften jedes Bundeslandes, welches in den Strudel ostwestdeutscher Allgemeinplätze gezogen werden, durch destruktive Berichterstattung der Medien verlorengehen sollen? Man vergisst die wesentlichen Charaktermerkmale vieler Regionen von Mecklenburg bis Schwaben. Man verbleibt bei einem mittlerweile gängigen Strickmuster, so man gesellschaftliche Themen wiedergibt, nicht ohne auf rhetorische Mittel zu verzichten, welche ostwestdeutsche Ressentiments wecken respektive fördern sollen. Doch sollte man nicht allein diesen Modus, diesen Stil kritisieren, sondern auch die daraus erwachsenden Klassifizierungserscheinungen betrachten, deren Wirkung auf die Bevölkerung einen normativen Einfluss ausübt, was als kontraproduktiv für die einzelnen BL wie die konjunkturelle Einfaltung des ganzen Landes gesehen werden muss, so sind beispielsweise die vitalen Interessen1 Thüringens nicht im Osten zu suchen. Genau wie Hessen, Sachsen und Rheinland - Pfalz ist es den süddeutschen Bundesländern zuzuordnen, sowohl mental, geographisch wie ökonomisch.

Abgrenzung gegen andere heißt immer auch die Ausgrenzung des anderen. Der Ostalgie ist Westalgie gefolgt. Oder war diese dank Harald Schmidt schon lange zuvor am Werk? In Wirklichkeit muss man doch wohl von Ostwestalgie sprechen, von einer gemeinsamen Haltung all jener, die keine Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft haben, von einem Deutschland, das sich in nichts von seinen Nachbarn unterscheidet, das ein Land unter vielen ist, sich frei macht von überkommenen historischem Bewusstsein und den Blick nach vorn, in ein vereinigtes Europa richtet. Sollte es nicht so sein, dass auf den Schubladen, die zur hiesigen Mentalität gehören wie Sauerkraut und schlechte Laune, nicht anstelle von "ost" und "west" wenigstens, wenn wir sie schon brauchen, vielmehr "Individualist" und "reaktionärer Ostwestdeutscher" stehen? Niemandem soll hier seine Identität abgesprochen oder diese auch nur teilweise geschmälert werden.

Doch kann man guten Gewissens von einem Selbstverständnis reden, welches nur auf eine Zeit konzentriert ist, welche schon über 15 Jahre zurückliegt? Was war danach? Zwischen damals und heute wurde nur nachgetrauert und vergessen eine Zukunft zu gestalten. Die Konsequenzen daraus treffen die Menschen heute in sozialer, geistiger und ökonomischer Form, die Schuld daran indes wird geleugnet, verschleiert hinter der unverständlichen Lüge, diese Unterscheidung in ost und west sei aus irgendeinem unerfindlichen Grund nötig, um den Menschen ein angeblich ideelles zu Hause zu geben. Doch nicht die spottenden Haraldschmidtisten haben recht, nicht Raabs "Maschendrahtzaun" war die Antwort auf die drängenden Fragen zum innerdeutschen Verständnis unserer Zukunft, sondern nur Peitschenhiebe, die eine Unselbstständigkeit und Primitivität des sogenannten "Ostens" belegen wollten. Hier ist genauso Einhalt zu gebieten, wie bei Äußerungen Gunther Emmerlichs, Oliver Pochers, Marco Schreyls und anderen mit vergleichbarer Haltung. Ulrich Wickert behauptete nach dem 11.09.2001 viele sogenannte "Ost-Deutsche" seien aufgrund einer DDR-Erziehung verkappte Bin-Laden-Fans, ebenso wie er es seinen Hamburgern vergab zu 20% den rechtsextremen Schill gewählt zu haben, es den Sachsenanhaltinern indes bereits vorwarf, als die Wahl dort noch in weiter Ferne lag.

 

III       Theoretische Reaktionsmechanismen

 

Ich sprach weiter oben von Identität. Was macht selbige also zu dem, was wir darunter verstehen? Sie ist das Produkt der täglichen Lebenserfahrung, in Verbindung mit unseren Zielen, Hoffnungen, Wünschen, Ängsten und Idealen. Doch ist sie nicht das Produkt längst abgestreifter politischer Zwänge, sondern etwas jedem Menschen eigenes. Identität entsteht nicht daraus, dass man Teilmenge einer von skrupellosen Meinungsmachern definierten Minderheit ist, welche keine spürbare Inhärenz besitzt, sie entsteht eben aus dem Menschen selbst, wenn er sich traut, die Aussagen von Politik und Medien zu hinterfragen; sie besteht also im Gegenteil darin, dass man entgegen eines gängigen Klischees und unabhängig von Herkunft und Lebensmittelpunkt, Erziehung und historischer Rahmenbedingungen, die natürlich auch einen Einfluss auf die Persönlichkeit des einzelnen haben, Meinungen erworben haben darf, welche in der Konsequenz widersprüchlich sein können, andererseits auch dem Klischee formal entsprechen mögen, bei näherer Untersuchung allerdings sich als später angeeignet erweisen und durch vollkommen andere Umstände entstanden sein können. Nicht der vorauseilende Schluss auf denkbare Vorurteile, sondern die eigene, die innere Überzeugung sollte genügen, keinen falschen Eindruck zu hinterlassen, den der Klischeebesessene gewinnen will, so er nach sprachlicher, politischer oder weltanschaulicher Beschaffenheit des Geistes seines Gegenüber sucht; dies ist notwendig, weil man als Mensch nicht dem Klischee entspricht und sich selbst nicht in der Definition dieser Begrifflichkeit, die man damit verbindet, wiederentdeckt, welche alt und abgeschliffen ist und vorurteilsbeladen keinen Raum für das persönliche lässt, sondern den Menschen letztlich zum Spielball seiner eigenen Anschauungen wird, die ihm jederzeit als Folge seiner Prägung angelastet werden könnten.

Identität fordert somit das Bürgerrecht auf Selbstbestimmung, über die Bevormundung der Medien hinweg, sich ein Leben ohne Klischeebilder zu erkämpfen. Sonst bleibt vom Individuum und seiner Identität nichts übrig, ... und der Rest ist Schweigen.

Soweit darf es nicht kommen, nicht nur deshalb, weil es - wie ich im folgenden noch schildern werde - ein Anliegen der Medien ist, das Thema der ost-west-deutschen Befindlichkeiten als Teil der Tagespresse zu verstehen und hieraus Kapital zu schlagen. Auch nicht nur deshalb, weil es wirtschaftlich maroden Regionen Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens nutzt, so Sachsen und Thüringen negativ dargestellt und empfunden werden.

Es geht vor allem um die Zukunft derer, die aus der Sicht der vergangenheitsorientierten das historische Pech haben, auf der falschen Seite einer Grenze geboren zu werden, die es schon lange nicht mehr gibt. Und ja, es findet sich auch eine klare Antwort auf die von manchem immernoch gestellte Frage, ob man ost- oder west-deutsch sei. Eine schlichte und unmissverständliche, wenn man begreift, die Regionen dieses Deutschlands nicht nach ost und west, sondern nach nord und süd zu unterscheiden, wofür es zudem auch gute wirtschaftliche und infrastrukturelle Gründe gibt. Auf die Frage nach meiner Herkunft, möchte ich unzweifelhaft erklären, dass dieses Thüringen, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, zu Süddeutschland gehört und dabei keiner anderen Region zugerechnet werden kann.

 

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1 vgl. Grimal, Pierre et al.: Fischer Weltgeschichte. Band 6. Der Hellenismus und der Aufstieg Roms. Die Mittelmeerwelt im Altertum II, Frankfurt, 1965, S. 301 ff.

Dort schreibt der Autor: "[...] Die Absichten des Pyrrhos waren eindeutig; er wollte versuchen, sich auf Kosten der italischen Völker, der sizilischen Griechen und selbst Karthago ein Reich zu schaffen. [...] Nachdem er ( Pyrrhos, Anm. des Zitierenden ) bei seinem Vorstoß festgestellt hatte, welche Schwierigkeiten er haben würde, Rom zu bezwingen und Mittelitalien zu besetzen, scheint Pyrrhos die Absicht gehabt zu haben, seinen Sieg sofort >auszumünzen< und in Mittelitalien ein richtiges Königreich zu errichten, und zwar druch den Zusammenschluss der Völker, die sich mit ihm verbündet und ihm im Krieg geholfen hatten. Der König forderte die Römer zu einer Teilung der Halbinsel auf. [...] Obwohl der Senat einen Augenblick lang vesucht war, das Angebot des Pyrrhos anzunehmen, hörte er schließlich auf die Stimme des alten Appius Claudius, der vielleicht im Namen einer in der Aristokratie noch lebenden Tratition sprach... [...] Für ihn und für diejenigen, deren Gedanken er in dieser Debatte aussprach, lag die Zukunft Roms im Süden; von dort erwartete man Klugheit, politisches Gleichgewicht, Ruhm und zweifellos die wirtschaftlichen Vorteile, die der freie Handel mit dem hellinisierten Italien bot. [...]"

Man erkennt somit in dieser Anspielung die allegorische Bedeutung des Begriffes Süden, zudem wirkt die wörtliche Übersetzung des Namens jenes skrupellosen "gottlosen König"2 wie ein Omen, heißt doch Πúρρος übersetzt 'feuerfarben' oder 'rot'.

2 ebenda, S. 304.


 

 

 

  
 

 

 

 


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