MEINUNGSFORSCHUNG ZUR OSTALGIEPRÄFERENZ

 

Nachdem eine sogenannte "Ostalgiewelle" Deutschland im Jahr 2003 heimgesucht hatte, Fernsehshows und ein unerträglicher Kinofilm ein Bild eines geteilten Landes zeigten, während sich der Bürger selbst des Irrsinns nicht erwehren konnte, wurden vereinzelt auch Bürgerbefragungen durchgeführt, doch spiegeln die dort festgehaltenen Meinungen nicht das erwartete Bild wider; ein paar Zahlen, die ich ddp, Emnid und Forsa entnommen habe und die als seriös gelten dürften, möchte ich im folgenden einmal nennen, nur um einem Missverständnis vorzubeugen, denn in Wahrheit halten der Bürger und die Bürgerin nämlich gar nichts von Ostalgie:

  • 69 % der Deutschen halten die Ostalgiewelle für ein Spalterinstrument.

Denn sie wissen eines, nämlich, dass die Medien ihr Spielchen mit allem und jedem treiben. Die Menschen sind nicht dumm, sie lesen zwar ihre Tageszeitung, aber sie bewerten ihren Inhalt nicht so hoch, daß sie sich ihre Meinung daraus bilden würden, wie es eine rechtsgerichtete Yello – Press – Gazette in ihrer Werbung verlangt. Wenn Thüringen weniger Firmenpleiten im Jahre 2003 aufweisen kann, als alle Länder die man von Seiten der OTZ zum "Osten" rechnet, dann heißt das nichts, und der Bürger weiß das. "Eine überwältigende Mehrheit der Deutschen glaubt, dass die so genannten Ostalgie-Shows bestehende Vorurteile [...] verstärken. 73 Prozent der Ostdeutschen und 68 Prozent der Westdeutschen teilen diese Auffassung."1

Nett gesagt, obwohl das Wort teilen in diesem Zusammenhang wieder einmal einen pseudoironischen Anachronismus darstellen dürfte.

 

  • 59 % konstatieren durch Ostalgie eine Geschichtsverklärung.

Die Deutschen haben ein ausgeprägtes historisches Bewusstsein. Ihnen ist sowohl der Grund für die Teilung Deutschlands – nämlich die Machtergreifung des österreichischen Diktators und dessen antisemitischen Welteroberungspläne – als auch die Äußerungen Kurt Schumachers ( "rotlackierte Faschisten" ) bekannt. Sie wissen um die Bedeutung der Gefahr, die uns heute von rechts und links droht, sie lieben aber die Demokratie viel zu sehr, um gegen undemokratische Strömungen gleich gesetzlich vorzugehen. Daher setzen sie sich mit der ihnen vorgesetzte Kost erst einmal auseinander, und konstatieren dann eine Geschichtsklitterung, wenn eine solche erkennbar ist. Um einer ehrlichen Aufarbeitung aber durch die dieses Ergebnis publizierenden Medien vorzubeugen, wurde mancherorts selbiges fälschlicherweise als ein rein west – deutsches ausgegeben: "Einer Emnid-Umfrage zufolge stand man zwischen Passau, Emden und Flensburg den Shows eher kritisch gegenüber. 59 Prozent waren der Meinung, dass eine solche Form der "Aufarbeitung" den Osten in ein falsches Licht rückte."2

Passau, Emden und Flensburg als regionale Hochburgen des "Westens" zeugen von einer nicht allein die großen Städte betreffenden Einsicht über die Rückschrittlichkeit dieser Bewegung. Doch bei n – tv hieß es schlicht: "Die Mehrheit der Deutschen steht der Ostalgie-Welle im Fernsehen einer Emnid-Umfrage zufolge kritisch gegenüber. 59 Prozent sind der Meinung, dass die DDR-Shows den Osten in ein falsches Licht rückten."3

 

  • 43 % der von der Kampagne unmittelbar betroffenen, lehnen Ostalgie prinzipiell ab.

Obwohl es schwer für manche Medienmenschen zu verstehen sein wird, sind fast die Hälfte aller von ihnen als Ost – Deutsche verschrienen Menschen dieses Landes der Auffassung, daß ein gesunder Regionalismus offenbar nichts mit dem Ostwestgetöne der schreibenden Presse und Rundfunkanstalten zu tun haben müsse. "[...] Dagegen lehnten 43 Prozent der 802 Befragten die "Ostalgie-Welle" mit Fernsehshows und kulinarischen Spezialitäten deutlich ab."4 Dabei ist es schwer genug, diese Einstellung durchzuhalten. Der sogenannte Ost - Deutsche wurde doch erst durch die über ihn erklärten Klischees zum Ost - Deutschen, und das immer mehr wider Willen. Er kann sich nicht selbst verleugnen; würde er nur gegen das protestieren, was man ihm nachsagt, so würde trotzdem der Eindruck entstehen, daß er sich selbst verleugnen würde. Das Vorgehen der Medien ist allerdings auch äußerst perfide. Unaufhörlich und uneingeschränkt spricht man seit dem Tag der Deutschen Einheit von neuen Ländern und dressiert die Bevölkerung mit Quizfragen in Sendungen wie "Wer wird Millionär?" darauf, in denen Begriffe wie "neue Länder" oder "Ost - Deutschland" mittlerweile zuhauf vorkommen, diese Schemata zu übernehmen, um im nächsten Moment Pseudocomediens wie Michael Mittermeier oder Oliver Pocher mit Beleidigungsorgien auf sie loszulassen. Zuckerbrot und Peitsche, so erzieht man Masochisten. Und dennoch können sich 43 % diesem Denken entziehen, fühlen sich als Sachsen oder Hallenser ohne einen aufgezwungenen Bezug zu den Nordlichtern der Republik. Nur ganze 34 % meinen in derselben Umfrage zwar, daß sie ein paar Dinge seit der Wiedervereinigung vermissen würden, doch sind dies vermutlich im wesentlichen Privates und Persönliches, Freunde, Bekannte und Verwandte, die von Brandenburg nach Baden - Württemberg gezogen sind. Die Frage war eben nicht: "Sind Sie ein / -e VerfechterIn von Ostalgie oder nicht?" Eine solche konkrete Befragung fand in Deutschland niemals statt. Warum wohl? Weil das Ergebnis nicht mit den Prämissen der Unterhaltungsindustrie korreliert, die sich ja angeblich auf Quoten und die Bedürfnisse der Bevölkerung stützt!

Wie kam es nun zu einer solchen Ostalgiewelle? Wenn sie doch niemand wollte! Niemand? Nun, schauen wir auf unsere ach so unparteiischen Medien. Bis 1989 hatten sie genug zu schreiben und senden. Mauertote, Brandts Ostpolitik, Gorbatschows Glasnost und Perestroika, die Wiedervereinigung. Alles Sendezeit. Und heute? Zwischen langweiligen Formel - 1 - Rennen, stumpfsinnigen Sitcoms, Aktienkursen und Actionfilmen bleibt tagtäglich noch eine Lücke von etwa 2 bis 3 Stunden, in denen Pseudocomediens einem grölenden Publikum die Minder- wertigkeit von sogenannten Ost - Deutschen erklären dürfen. Am 22.03.2004 wurde in der Sendung "Extra" auf RTL die Behauptung aufgestellt, "Ostalgieprodukte" verkauften sich gut bei Ebay.Falsch. Eine glatte Lüge, die dann mit dem fehlenden Interesse der Leute kaschiert wurde, die zu falschen Zeit - eben zu dem Zeitpunkt, als vom Sender diverses Nostalgiematerial dort dargeboten wurde - nicht online waren. Aha. Möglicherweise gibt es dieses Bedürfnis "Ostalgieprodukte" zu kaufen überhaupt nicht? Warum gibt es hier keine Emnid - Umfrage? Wozu, schließlich dienen auf Ebay seitenweise unverkäufliche "Ostalgiesouveniers"  als ausreichendes Beweismittel für die Beantwortung der Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz dieser Kampagne! Apropos: Die Junge Union in Berlin hat eine etwas merkwürdige Gegenkampagne ins Leben gerufen: Auf http://www.ostalgie-nein-danke.de wird dem Leser klargemacht, daß es entgegen aller Haraldschmidtisten sowie anderen Mauerfetischisten noch engagierte Menschen gibt, die sich dem Diktat der Medien nicht beugen wollen und so gefährliche Gedanken und Überzeugungen haben, wie die innere Einheit forcieren zu wollen. So ganz schlüssig ist diese Idee allerdings auch nicht, ist die Grundhaltung doch auch hier eine historische, die sich als Gegenhaltung zur Ostlagie sieht, aber letztlich Westalgie darstellt. Da es aber hier um die Ablehnung von Ostwestalgie gehen muss, kann auch hierfür nur bedingtes Verständnis aufgebracht werden, indes ist es wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung, den man von anderen Parteien, wie SPD oder Grüne in noch klarerer Form erwarten dürfte. Sicher haben diese Konservativen auch ihr eigenes Interesse im Sinn, Berlin als infrastrukturell und ökonomisch im Niemandsland eines sich selbst bemitleidenden "Ostens" gelegene Boomtown, attraktiver zu gestalten. Dennoch ist es typisch Union, nämlich kurzsichtig zu glauben, man könnte die Medien damit provozieren, deren ausgeklügeltes Ostalgiekonzept durchbrechen. Man strafte sie dann auch alsgleich mit der nötigen Verachtung. Nur die taz berichtete in einer Glosse darüber. Dort hieß es dann, dies sei eine "verschnarchte Kampagne". Da es aus Richtung CDU kam, war auch keine Argumentation mehr nötig. Genau deshalb wäre eine ähnliche Kampagne bei den Grünen sehr angebracht. Das Problem ist nur, wenn man darauf abzielt, einen Grundpfeiler der Entertainmentindustrie zu attackieren, diese plötzlich genauso genervt wie eine amerikanische Sekte es 1996 war, als die Junge Union dazu aufrief, einen Film mit Tom Cruise zu boykottieren. Es war damals der letzte wirklich erfolgreiche mit eben diesem Schauspieler. Die Bevölkerung fing daraufhin an, über gewisse Dinge wie versteckte Botschaften in Filmen und natürlich vor allem das Geld nachzudenken, das man den falschen Leuten, speziell diesem Syndikat, nicht mehr in den Rachen werfen wollte, auch wenn man dies mittlerweile wieder vergessen hat, wie es in Deutschland halt üblich ist. Und jetzt will die Junge Union sich wieder mit einem Schwergewicht anlegen, den deutschen Medien? Ob links oder rechts, hier steht man zusammen. Von der Süddeutschen Zeitung bis Welt, von Spiegel bis Focus und Bild bis taz, ohne die zwanghaft verkrampfte Ostwestsicht ist keines dieser Blätter heute vorstellbar. Der Witz ist dabei, dass sie wie gute Verschwörungstheoretiker das auch tun, sich gerne mal auf sich selbst beziehen:

(SZ vom 22.08.2003) — Vor vier Jahren erschien im Reportermagazin des Spiegel eine Enthüllungsstory über Kai Pflaume, Ulrich Mühe und Christiane Gerboth. Ein Showmaster, ein Schauspieler, eine Moderatorin – und alle verband sie dasselbe Geheimnis. "Sie sind Medienstars und wirken, als kämen sie aus dem Westen." Kamen sie aber nicht. Es sind Ostdeutsche.5

Was heißt hier Enthüllungsstory? Warum muß die Zugehörigkeit zu einer von den Medien definierten Bevölkerungsgruppe ( keiner Sekte oder anderen mafiaähnlichen Organisation, wo dies durchaus angebracht wäre! ) enthüllt werden? Wo leben wir denn? Und wie um alles in der Welt ist dieses zu verstehen, wenn Menschen ob ihrer Herkunft mit dem Wort "Ost - Deutsche" gebrandmarkt werden, wenn man mit dem Finger auf sie zeigt: "Igitt, Ost - Deutsche!" Sind diese Leute vielleicht gar nicht damit einverstanden, daß man sie als etwas bezeichnet, was vielmehr als ein Klischeebild fungiert, als es die Person als solche beschreibt? Und was ist damit gemeint, sie wirkten, als kämen sie aus dem Westen? Werden die Medien hier Opfer ihrer eigenen Ideologie?

Der Spiegel wird von der Süddeutschen zitiert, ein Beispiel unter vielen. Dort findet sich nun aber auch ein Satz, der alles sagt, was ein guter Journalist zum Thema Ostwest empfindet, was er denkt, fühlt, vermitteln möchte, wenn er schreibt, erklärt und dabei nie vergißt:

(SZ vom 22.08.2003): Axel Schulz ist ein Mann, der jahrelang davon ausging, zur Weltspitze zu gehören, dann den wichtigsten Kampf seiner Karriere verlor, sich wegen einer umstrittenen Ringrichterentscheidung aber später als moralischer Sieger fühlte. Mehr Kompetenz in Sachen Lebensgefühl Ost lässt sich schwer finden.6

Also nochmal: Man wird nicht nur gegen seinen Willen zum Ost - Deutschen definiert und geoutet, nein, man wird auch noch zum Versager, der sich selbst gnadenlos überschätzt, degradiert. Kann man annehmen, dass mit dem wichtigsten Kampf in seiner Karriere eine Metapher für die Wiedervereinigung gefunden und die Ringrichterentscheidung spöttisch als höhere Gewalt des Marktes und der freien Welt zu verstehen ist, selbige eine Frustration hervorkitzelte, die alsdann zum Lebensgefühl Ost wird, welches der Autor hier diagnostiziert?

Danke Marcus Jauer und Ihr anderen klugen Reporter, macht weiter so, niemand wird Euch davon abhalten, weil es schon lange niemanden mehr interessiert und der Bürger sich frevelhafterweise so sehr von Euch entfernt hat, daß Ihr ihm Eure bösartigen Parolen weit hinterherbrüllen müßt, immer lauter, immer intensiver. Letztlich sind die Ignoranten Eure Klientel, meist weniger intelligente Menschen mit Neigungen zu anachronistischen Weltanschauungen, die wie Ihr an Schemata festhalten, die sich im Zeitalter der Globalisierung längst überlebt haben.

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1 http://www.welt.de/data/2003/09/19/170441.html?q=null ( 25.03.2004 )

2 http://www.t-online.de/jr03/data/t_unterh/unterh/filmpremieren.html ( 25.03.2004 )

3 http://www.n-tv.de/3179708.html?q=null ( 25.03.2004 )

4 taz Nr. 7148 vom 4.9.2003, Seite 6, http://www.taz.de/pt/2003/09/04/a0039.nf/text ( 25.03.2004 )

5 SZ vom 22.08.2003, http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/685/16669/ ( 25.03.2004 )

6 ebenda

 

 

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