ZIELE EINER SPD-BILDUNGSPOLITIK FÜR THÜRINGEN

 

 

Kommentierter Auszug aus der Berliner Zeitung:

BERLIN, 12. Dezember. Die Thüringer SPD zieht mit einem Konzept für eine radikale Schulreform in den Wahlkampf 2004. In dem ostdeutschen Bundesland sollen die Schüler künftig wieder bis zur achten Klasse gemeinsam lernen, so wie es früher in der DDR üblich war. Erst mit der neunten Klasse würden sie auf Gymnasium, Real- und Hauptschule aufgeteilt. "Alle neueren Untersuchungen wie zum Beispiel die Pisa-Studie zeigen, dass ein Schulsystem besser ist, bei dem Stärkere und Schwächere gemeinsam lernen", sagte der Thüringer SPD-Vorsitzende und Spitzenkandidat Christoph Matschie der Berliner Zeitung.

Dieser Ansatz mag zunächst für manche Ohren interessant klingen, vor allem wohl für diejenigen, welche das DDR-Schulsystem niemals kennengelernt haben. Doch schauen wir, was sich wirklich hinter dieser Idee verbirgt, welche der Chef der Thüringer SPD hier vorschlägt: Eine radikale Schulreform, radikal? Lassen wir dieses Wort, welches nicht so gut zu uns Thüringern passt und überdenken die Problematik als solche für unsere heutige Zeit. Natürlich waren - oberflächlich betrachtet - die Schüler der DDR disziplinierter, sie lernen wohl auch mehr und hatten eine bessere Allgemeinbildung als heutige Gleichaltrige im Zeitalter von "Deutschland sucht den Superstar". Nur sollte man doch zunächst nach den Gründen hierfür fragen, bevor man versucht, einzelne Elemente herauszulösen und in einem demokratischen Staat einzuführen. Es geht vor allem um die Grundkonzeption des DDR-Schulsystems. Man muss die Frage nach dem damaligen Anspruch des Unrechtsregimes stellen, welches kaum freidenkende Menschen mit individuellen Positionen und Überzeugungen ausbilden wollte. Es ist bekannt ( so auch Herrn Matschie ), dass sowohl das Schul- als auch das gesamte Bildungssystem damals letztlich nur einem Ziel dienten, dem Machterhalt. Hierzu war es beispielsweise notwendig, zu ergründen, wer dem Regime gegenüber freundlich gesinnt war und wer nicht. So gab es ab Klasse 7 in der DDR das Fach Staatsbürgerkunde. Im Laufe dieses Schuljahres erkannte man, wen man wohl zum Abitur zulassen würde und wen nicht. Oftmals entwickelten schon Schüler durch diesen bereits zuvor auf sie ausgeübten politischen Druck ein waches Bewusstsein, welches auf einer Abwehrhaltung gegenüber dem Staat und seiner Ideologie basierte, emotionale Reaktionsfähigkeit auf unterschiedlichste Subsons und politische Druckmittel vorausgesetzt. Schüler und - die wenigen kritischen - Lehrer waren sich der Gefahr, in welcher sie lebten, also stets im klaren.

Die Struktur des Unterrichts war streng und hierarchisch, sie nötigte zur Anpassung. Der Unterricht war ruhiger und effektiver, so man einen Vergleich diesbezüglich zulassen will. Herr Matschie propagiert diese Verpackung, diese Fassade eines ideologisch aufgebauten Schulsystems nun im 21. Jh. als Gegengift zur aktuellen Bildungsmisere, wissend, dass man ohne diktatorische Mittel eine solche Lernsituation nicht realisieren kann. So dürfen nach SPD-Forderung im demokratischen Deutschland bald 11 – 14jährige musisch begabte potentielle Nachwuchsintellektuelle mit Bauarbeiterazubis in spe gemeinsam während der Pubertät die gleiche Klasse besuchen, um so - wie es dort heißt - voneinander zu profitieren. In welcher Weise dies geschieht, möchte ich der Phantasie des Lesers überlassen. Dies mag zugespitzt klingen, dennoch trifft es den Kern der Thematik, will man schönfärberische Gesamtschulromantik der harten Realtität gegenüberstellen. Außerdem muss die Frage erlaubt sein, ob ein gemeinsamer Unterreicht ab Klasse 5 bis 12 nicht ebenso förderlich sein kann, wenn nicht noch sinnvoller, da ab hier wesentliche Weichen für das spätere Leben gestellt werden!

"Wenn man die Kinder nach der vierten Klasse sortiert, verfestigt man die sozialen Unterschiede im Bildungssystem. Denn das Sortieren in der vierten Klassen hängt oft weniger von der wirklichen Leistungsfähigkeit der Kinder ab, als davon, wie sehr sich die Eltern reinhängen." Sollte die SPD die Landtagswahl 2004 gewinnen, würde das neue Schulkonzept schrittweise in ganz Thüringen umgesetzt, sagte Matschie, der auch Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium ist.

Sortiert man sie - wie Herr Matschie bemerkt - aber erst später, kann es leicht geschehen, dass der ein oder andere Schüler seinen Ehrgeiz durch den Einfluss seiner weniger intelligenten Mitschüler zum Zeitpunkt seines Wechsels ins Gymnasium bereits aufgegeben hat; zudem wird die Bedeutung der Eltern bei dem Berufswunsch oder dem angestrebten Schulabschluss des Kindes auch oftmals überschätzt. Zudem: Wessen Eltern sich indes nicht sonderlich um die Entwicklung ihre Kinder kümmern, wird auch später kaum aus Eigeninitiative Leistungen erbringen wollen. So zeigt sich die Argumentation des Herrn Matschie - wenn man sie überhaupt so nennen darf - als unlogisch und dem ostwestalgischen Selbstzweck verpflichtet. Aber wem Ostalgie wichtiger ist, als die Zukunft eines süddeutschen Bundeslandes wie Thüringen, sollte man die Regierungsgeschäfte niemals überlassen.

"Ich will die Schule der DDR nicht zurück haben", sagte Matschie. "Aber ich würde heute sagen: Das Lernen war in der DDR besser organisiert." Dies hänge mit dem längeren gemeinsamen Lernen, aber auch mit der klareren Fächerstruktur und den Betriebspraktika zusammen. "Unabhängig von der Ideologie, die niemand wieder haben will, gab es viel, was auch heute in den Schulen gut zu gebrauchen ist." Nach der Wende habe man ja auch festgestellt, dass zwölf Jahre bis zum Abitur ausreichten.

Natürlich weiß Herr Matschie, dass es hier nicht um die Frage geht, wielang man die Schule besucht, ob es zwölf oder 13 Jahre sind. Diese Schlussbemerkung beweist letztlich nur, wie wenig ernst er seine eigenen Überlegungen nimmt. Denn alles pädagogische und strukturelle kann unabhängig von der Ideologie nicht gestaltet werden, somit ist dies eben nicht möglich ( wie konnte diese Organisation des Lernens denn überhaupt realisert und aufrechterhalten werden, wenn nicht durch die Machtmittel des Regimes, solange sie von der Bevölkerung akzeptiert wurden? ), denn herrscht in den meisten Ländern, welche bei der PISA – Studie gut abgeschnitten haben, ein regides Diziplinsystem, welches dem Schüler keine Freiheiten lässt, die ihm in Deutschland niemand streitig machen würde. Will Herr Matschie etwa japanische Verhältnisse? Ein Land mit einem hohen Bildungsstand und der höchsten Selbstmordrate unter Jugendlichen! Was er aber offenkundig anstrebt, ist aufbauend auf einer mutmaßlich noch rudimentär vorhandenen Ostwestalgie, diese zu festigen, den Menschen keine Wahl mehr zu lassen, ob sie sich zur Ostwestidentität oder zu sich selbst bekennen. Er will den Sadomasochismus der Haraldschmidtisten gesetzlich verankern, er will die Menschen mit den über sie verhängten Klischees demütigen. Wann steht der erste Politiker auf und ruft: "Ich bin Thüringer und kein Ost-Deutscher!" Ihm wären Stimmen sicher, vor allem von denen, die am 13. Juni den Weg zur Wahlurne nicht antreten werden, weil ihnen in dieser Demagogie der Sinn für das politische abhanden gekommen ist. 

(Auszug aus Berliner Zeitung, 13.12.2003, in grün kommentiert vom Inhaber der Website) 

Vielleicht tue ich Herrn Matschie aber auch unrecht? In seinem Buch "Die Illusion des Endes"1 schreibt dessen Autor Jean Baudrillard: "Wir alle träumen sicherlich in irgendeinem kollektiven Unbewussten von der Wiederauferstehung der Geschichte, aber man darf seine Träume nicht mit der Realität verwechseln. [ ... ] Ekstase und Seligsprechung dürfen nicht verwechselt werden." und weiter unten: "Die kommunistischen Systeme sind nicht von einem äußeren oder inneren Feind überwunden worden ( sonst hätten sie Widerstand geleistet ), sondern von ihrer eigenen Trägheit. Sie haben gewissermaßen die Gelegenheit genutzt, um zu verschwinden ( hatten sie von sich selbst die Nase voll? )."

Leistet nun Herr Matschie diesen Widerstand postum? Oder träumt er nur? Die Antwort kennt letztlich bloß er selbst.

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1 Baudrillard, Jean: Die Illusion des Endes, Merve Verlag, Berlin 1994, S. 62 ff.

 

 

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