ETWAS ÜBER REGIONALE SPRACHGEWOHNHEITEN UND DIE VERWENDUNG VON ALLTAGSBEGRIFFEN

 

 

I       Die Uhrzeit oder wieso Norddeutsche die Uhr nicht richtig lesen können

 

Faszinierend könnte man es nennen, in welcher Weise mancher Zeitgenosse ganz gern darauf verweist, dass es sowohl typisch ost- als auch typisch west-deutsche Sprachfloskeln gäbe, welche den Sprecher sofort entlarvten als etwas, was er aus deren Perspektive eben gerade aufgrund seiner Sprache nicht verleugnen kann. Dass gerade die Sprache ein verbindendes Element zwischen Menschen darstellt, wird hier gern als ebensolches Scheinargument verwendet, welches wie Marketingsstrategien des NLP entnommen scheint, dessen Grundhaltung zu gemeinsamen Ausdrucksformen zum Ost-West-Sprachfetisch durchaus Parallelen aufweist.

Abgesehen von der äußerst beleidigenden Haltung und der darin gelegenen Unterstellung einer mutmaßlich angenommenen inneren Bereitschaft einer Akzeptanz dieser, bleibt ein flaues Gefühl, welches einerseits die Sprache selbst zum Instrumentarium des innerdeutschen Rasssimus verklärt, andererseits wird die Flexibilität des einzelnen gehemmt, welcher sich alsdann durch die Verwendung bestimmter Begriffe abgrenzen und das Nichtbenutzen anderer sein eigenes Vokabular reduzieren darf, so er mit dem Prinzip der Ost-West-Unterscheidung d’Accord geht.

Die Sprache wird so zum Ausdruck der reaktionären Mentalität und gleichmit um ihre Vielfältigkeit betrogen, da man sich bloß eines diskreten Teiles ihrer Fülle annehmen darf.

Am häufigsten wird hier auf die Uhrzeit bezug genommen, obschon bereits hier von einer differenzierteren Verteilung ausgegangen werden muss. Man mag über wikipedia denken, was man mag, die hier notierte Erklärung ist wohl als zutreffend einzuschätzen:

Sprechweise

Je nach Region sind unterschiedliche Aussprachen gängig. So wird 05:15 Uhr im Nordwesten des deutschsprachigen Raums gewöhnlich als „Viertel nach fünf“ bezeichnet und 05:45 Uhr als „Viertel vor sechs“, während in Teilen von Österreich, Bayern, Baden - Württemberg, Rheinland - Pfalz, Hessen, Thüringen, Sachsen, Sachsen - Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg - Vorpommern, Teilen von Niedersachsen sowie in Berlin „viertel sechs“ bzw. „dreiviertel sechs“ üblich ist, analog zu „halb sechs“. Im Nordwesten hört man „zwanzig nach fünf“ (5:20 oder 17:20) und „zwanzig vor sechs“ (5:40 oder 17:40), in Brandenburg „zehn vor halb sechs“ und „zehn nach halb sechs“ oder „fünf vor dreiviertel“. Manche Menschen sagen auch „viertel sechs am Abend“ für 17:15 Uhr (lies: „17 Uhr 15 [Minuten]“ aus sprachrationellen Gründen eher ohne „Minuten“, wie 5,63 €: 5 Euro 63 [Cents] ohne „Cents“, Ausnahme: Ansagen auf Bahnhöfen).

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Uhrzeit

 

Eine äußerst aufschlussreiche Seite lässt sich hierzu ebenfalls im Internet finden:

 

       Uhrzeitangabe - viertel vor / Dreiviertel               Norddeutsche lernen die Uhr zu lesen

 

Hier wird exeplarisch bezug genommen auf die unter wikipedia beschriebene, aber gesellschaftlich kaum wahrgenommene Sprechweise der Schwaben und Bayern. Die mancherorts übliche Wendung "Viertel vor" war dem Gestalter der Homepage, einem Heidelberger, welcher nun in Münster lebt, zuvor unbekannt.

 


II       Allgemeine Betrachtungen

 

Will man den gedanklichen Sprung wagen, sich über diese sprachliche Hürde hinwegzusetzen, sollte man sein Gegenüber argumentativ widerlegen können. Eine Untersuchung an der Uni Augsburg zeigt klar, dass die Verwendung unterschiedlicher Begriffe keineswegs ost- oder west-deutsch-spezifisch an der frühren Grenze abgelesen werden kann.

Anhand verschiedener Sprachforschungsprojekte und der hieraus gezeichneten Karten, welche auf der Website der Universität Augsburg aufbereitet wurden, kann keine solche Tendenz festgemacht werden.

Vielleicht gibt es keine eindeutige Nord-Süd-Linie, so doch eine merkliche Tendenz eines Gefälles und werden Übergangsregionen erkennbar, verschiedendlich aber auch eine breite Streuung über das Bundesgebiet.

Dennoch kommen die Wissenschaftler nicht ohne Momente einer Ost-West-Deutung nicht aus, so sich eine Möglichkeit auftut, diese wie im Beispiel der Redewendung „Uhr anhaben“ verwenden zu können. Obschon die Vorstellung verlockend ist, annehmen zu wollen, dass man hier Sachsen zum Süden rechnet, mag es wohl eher so gewesen sein, dass die Augsburger des steten Nord-Süd-Gefälles überdrüssig waren ( Denn stammten 4 von 16 Personen, die von sich behaupten, eine „Uhr dran“ zu tragen aus Thüringen oder Sachsen ). Denn erklären sie die folgende Karte mit den Worten:

 

Uhr anhaben (Frage 6b)

In ganz Nord- und Ostdeutschland hat man eine Uhr um. In Ostbelgien, im Westen Deutschlands, in Baden-Württemberg, in der Schweiz und in Südtirol hat man dagegen eine Uhr an. In Bayern variiert es von Gegend zu Gegend: „Hast Du eine Uhr an/um oder auch dran?“ oder „Hast Du eine Uhr?“. In Österreich scheint wiederum die um-Variante am meisten verbreitet zu sein – oder man fragt auch einfach: „Hast Du eine Uhr?

Aussprache - Uhr dran / an / um haben

 

Quelle: http://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/ada/runde_3/f06b/

 

Wiederum ohne jeglichen erklärenden Textzug kommen zwei andere Graphiken aus. Sie zeigen sehr deutlich, wie wohl eine semantische Floskel auch innerhalb der südlichen Länder, ohne dabei eine ost-west-deutsche Regionalität bemühen zu können, zur Alltagssprache gehörend, längerfrististige Sprachmuster offenlegen kann:

siehe: http://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/ada/runde_4/f22c-d/

 

Eine klassische Nord-Süd-Teilung findet sich wiederum bei dem sehr oft verwandten Wort "nicht" sowie den beiden Synonymen "fegen" und "kehren":

 

Aussprache nicht net nich Aussprache kehren fegen

Quelle: http://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/ada/runde_2/f25e/

               http://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/ada/runde_2/f04/

 

Weitere Beispiele könnten beliebig ergänzt werden. Schließen möchte ich dieses Kapitel mit ein paar Anmerkungen zur Sprachwahl der Wissenschaftler, welche für diese Untersuchung verantwortlich zeichnen. Man lese daher vor allem ihre Einschätzung und Beurteilung der eigenen Ergebnisse. Im letzten Satz zeigt sich eine Grundmentalität, welche auf dieser Website schon mehrfach angeklungen und kritisch hinterfragt worden ist:

 

Im Zusammenhang mit den Bezeichnungen für bestimmte öffentliche Gebäude/Institutionen kann man im Deutschen statt in bzw. zu auch auf verwenden. Dieser Gebrauch ist aber offensichtlich regional verschieden: In Norddeutschland bringt man einen Brief ausschließlich  zur Post, in den meisten Gebieten im südlichen Teil Deutschlands und in Österreich ist es dagegen üblicher, auf die Post bringen zu sagen. Zweimal wurde aus Österreich auch einfach auf Post gemeldet; möglicherweise handelt es sich hier um den lautlich an das "p" von Post angepassten Artikel, so dass eigentlich "auf d'Post" zugrunde liegt, was im ganzen Süden in der Aussprache dann zu "auf p'Post" assimiliert wird (frdl. Hinweis von Stefan Kleiner). In der Schweiz und in Südtirol gilt fast ausschließlich auf die Post. In Luxemburg wird der Brief bei die Post gebracht.

auf/in der Post (Frage 10b)

 

Anders sieht es aus, wenn man nicht auf die Richtung zum Postamt hin (wohin?), sondern auf den Ort des Postamts (wo?) verweisen will. In diesem Fall ist der Gebrauch von auf weiter nach Norden verbreitet. Zwar sagt man in Norddeutschland überwiegend Ich war gerade in der Post, aber daneben ist in Gebieten, in denen ein Brief nur zur Post gebracht wird, überall zumindest verstreut ich war auf der Post  zu finden. Umgekehrt ist die Dominanz von auf im Süden in diesem Fall viel eindeutiger, und schließlich verläuft auch die Hauptgrenze zwischen nördlichem und südlichem Gebrauch auf der zweiten Karte deutlich weiter im Norden, der Süden Ostdeutschlands schließt sich hier weitestgehend der südlichen Variante auf der Posan.

Quelle: http://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/ada/runde_3/f10a-b/

 

III       Schlussfolgerungen

 

Die gelebte Realität ist also eine andere, als es mancher Separatist wahr haben will. Es mag Begriffe geben, die sich in 40 Jahren der Teilung sicherlich bei vielen Menschen eingeprägt haben, doch sind es, betrachtet man die zahlreichen Beispiele, welche von den Sprachwissenschaftlern der Universität Augsburg zusammen getragen wurden, kaum mehr als eine Handvoll und häufig sogar sehr ungebräuchliche. Dennoch zeigt sich vor allem im letzten Absatz ( "auf / in der Post" Frage 10b ) ein kleiner Hinweis auf die Haltung der Augsburger Wissenschaftler. Hier wird interessanterweise nicht von einer gemeinsamen Art der Formulierung gesprochen, vielmehr die Norm definiert, welcher sich angeschlossen wird.

Diese beinahe Freudschen Fehlbetrachtungen perspektivischer Dominanz weisen auf eine Grundhaltung der Augsburger, deren Umsetzung innerhalb der Studie mutmaßlich an der Wirklichkeit scheiterte, was ihr Ergebnis noch glaubwürdiger erscheinen lassen muss.

Letztlich bleibt das Fazit eines komplexen Systems von Wendungen und Sprechweisen, welches sich kaum als Methode zur Entschlüsselung regionaler Herkunft eignen kann, sondern eher als Versuch gedeutet, Sprachbarrieren erst zu errichten, indem man die Ergebnisse der Uni Augsburg außer Acht lassend, von falschen Tatsachen ausgehend, sich möglicherweise zu einem Ost-West-Sprachfetischisten erst entwickelt, den es selbst im Kalten Krieg eben niemals wirklich gab. Einer solchen Entwicklung sollte sich allerdings jeder auch bewusst sein, und derartiges Besteben vermittels seines eigenen Sprachgefühls aktiv zu verhindern suchen.

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